Laute Rufe nach Online-Unterricht von kleinen Fahrschulverbänden
Unsere Sicht der Dinge.

Pressemitteilung

2.Februar 2022 - 18:00 Uhr

Die neue Bundesregierung „will mehr digitale Elemente im Führerscheinunterricht ermöglichen“ – so steht es im Koalitionsvertrag.

Was sich genau hinter diesen digitalen Elementen verbirgt, wird im Koalitionsvertrag nicht näher beschrieben.

In der Pressemitteilung 001/2022 des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr lautet die Überschrift „Mehr Online-Unterricht in Fahrschulen“.
Diese Überschrift bezieht sich auf Änderungen in der Fahrschüler - Ausbildungsordnung. Wenn der Bundesrat diese Verordnung so verabschiedet, gibt es für den digitalen Theorie-Unterricht bundeseinheitliche Rahmenbedingungen.
Grundsätzlich wird der theoretische Unterricht in der Fahrschule auch in Zukunft in gewohnter Präsenzform stattfinden. In begründeten Ausnahmesituationen (wie z.B. einer Pandemie) kann der Unterricht in digitaler Form stattfinden. Dabei ist der Unterricht synchron durchzuführen. Es nehmen also alle Teilnehmer zeitgleich am Unterricht teil. Die Teilnehmerzahl darf dabei 25 Personen nicht überschreiten.

Aus Sicht des Landesverbandes der Hessischen Fahrlehrer e.V. ist diese Regelung eine logische Schlussfolgerung aus den Erfahrungen, die in den letzten zwei Pandemiejahren gesammelt wurden.
Der digitale Fernunterricht ermöglicht FahrerlaubnisbewerberInnen ihren Führerschein zu erlangen und gleichzeitig wird dem Gesundheitsschutz Rechnung getragen.

Es gibt Experten, die in dem digitalen Fernunterricht keinen gleichwertigen Ersatz für den klassischen Präsenzunterricht sehen. Weder in der Schule noch in der Fahrschule.

Andere Experten versuchen in einer Untersuchung zu erforschen, ob der digitale Fernunterricht in der Fahrschule gegenüber dem Präsenzunterricht von gleicher oder gar höherer Qualität und Effizienz ist. Eine solche Untersuchung wird von Prof. Dr. R. Brünken der Universität des Saarlandes durchgeführt.

Der Verband Innovativer Fahrschulen Deutschlands e.V. (VIFD) hat diese Untersuchung beauftragt. Der VIFD versteht sich Arbeitgeberverband. Er vertritt bisher nur wenige Mitglieder. So ist es auf der Homepage zu lesen. Die 123Fahrschule ist eines der wenigen Mitglied des VIFD.
Der Geschäftsführer der 123Fahrschule hat in mehreren Veröffentlichungen zum Ausdruck gebracht, dass sein Ziel die Transformation der Fahrschulbranche ist. Zudem möchte die123Fahrschule expandieren und der größte Fahrschulanbieter in Deutschland werden. Die Digitalisierung ist bei diesem Vorhaben ein zentrales Element. Die 123Fahrschule setzt alles daran, dass der digitale Fernunterricht in der Fahrschule auch über Pandemiezeiten hinaus dauerhaft ermöglicht wird. Diese Position vertritt auch der VIFD.

Auf der Social Media Plattform Instagram hat 123Fahrschule eine Kampagne gestartet. Mit dem Post „VETO Wir fordern Zukunft anstatt Steinzeit!“ sucht 123Fahrschule Unterstützer für eine Änderung der Fahrschüler Ausbildungsordnung. Die Worte „in begründeten Ausnahmesituationen“ der FahrschAusbO sollen gestrichen werden – die  Forderung dahinter: der digitale Fernunterricht in Fahrschulen soll dauerhaft möglich werden.

Der VIFD und 123Fahrschule begründen diesen Änderungswunsch in ihrem Schreiben an den Bundesrat mit der Studie von Prof. Dr. R. Brünken. Demnach zeige sich laut der Studie eine signifikante Verbesserung der Lernergebnisse sowie der Bestehensquoten mittels digitalen Fernunterrichtes.

Diese Schlussfolgerung ist jedoch falsch. In seinem Forschungsbericht schreibt Prof. Dr. R. Brünken u.a.:
„Insgesamt lässt sich festhalten, dass die pandemiebedingte Umstellung des theoretischen Fahrschulunterrichts auf ein rein digitales Format in den uns zur Verfügung stehenden Daten zu keinerlei nachweisbaren Verschlechterungen des Ausbildungs- und Prüfungserfolges geführt haben, vielmehr zeigen sich in der Tendenz eher positive Effekte. Worauf diese im Einzelnen zurückzuführen sind, lässt sich auf der Basis der derzeit verfügbaren Daten nicht abschließend beurteilen und bedarf einer vertieften Untersuchung.“

Damit bringt Prof. Dr. R. Brünken zum Ausdruck, dass der digitale Fernunterricht keinen negativen Einfluss auf die Prüfergebnisse hatte. Er bringt aber vor allem sehr klar zum Ausdruck, dass die Gründe für bessere Prüfergebnisse während der Pandemie vielfältig sein können. Welchen Einfluss dabei der digitale Fernunterricht hat, geht aus der Untersuchung nicht hervor.

Dass der VIFD trotz Kenntnis des Forschungsberichts in der Öffentlichkeit argumentiert, dass der digitale Fernunterricht zu besseren Prüfergebnissen führt, ist unwissenschaftlich, irreführend und damit unredlich.

Inwieweit ein Einfluss auf den Ausbildungserfolg gegeben ist, kann von dieser Studie noch nicht erfasst worden sein. Ausbildungserfolg ist für den Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. dann gegeben, wenn sich Fahranfänger sicher, verantwortungsvoll und umweltbewusst im Straßenverkehr bewegen. Für uns geht der Ausbildungserfolg weit über den Prüfungserfolg hinaus.

Im gleichen Forschungsbericht formuliert Prof. Dr. R. Brünken folgendes: „… vielmehr besteht die berechtigte Hoffnung, dass mit digitalen Formaten positive Entwicklungschancen verbunden sein können.“
Mit digitalen Formaten ist in dem Forschungsbericht der digitale Fernunterricht gemeint.

Die Forderung von 123Fahrschule, den digitalen Fernunterricht dauerhaft in die Fahrschulbranche zu implementieren, darf sich nach unserer Auffassung nicht auf einer Hoffnung begründen.

Aus Sicht des Landesverbandes der Hessischen Fahrlehrer e.V. muss die Wissenschaft eine valide Aussage zur Qualität und Effizienz des digitalen Fernunterrichts in Fahrschulen treffen. Wenn diese validen Aussagen zum Ergebnis haben, dass der digitale Fernunterricht in Fahrschulen die gleiche Qualität und Effizienz aufweist wie der Präsenzunterricht, wird der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. der dauerhaften Einführung des digitalen Fernunterrichts nicht widersprechen.

Der VIFD führt weiter an, dass über die dauerhafte Einführung von digitalem Fernunterricht neue MitarbeiterInnen gewonnen würden.

Im Gegensatz zum VIFD sieht der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. in der dauerhaften Einführung des digitalen Fernunterrichts keine Vorteile in der Generierung neuer MitarbeiterInnen. Für FahrlehrerInnen ergeben sich durch den digitalen Fernunterricht keine zeitlichen Entlastungen.
Die dauerhafte Einführung des digitalen Fernunterrichts macht den Beruf weder attraktiver noch wird der Fahrlehrermangel gemildert.

Der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. unterstützt jedoch die Aussagen im Koalitionsvertrag ausdrücklich, die digitalen Elemente der Führerscheinausbildung auszubauen.
Digitale Elemente unterstützen die FahrerlaubnisbewerberInnen auf ihrem Weg zum Führerschein.
Digitale Elemente in der Führerscheinausbildung können die Attraktivität der Führerscheinausbildung für FahrschülerInnen steigern.

Digital sind die meisten Fahrschulen schon heute deutlich besser aufgestellt als öffentliche Schulen und vergleichbare Bildungsträger. In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass Fahrschulen Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossen sind - Fahrschulen sind in Deutschland als Innovationstreiber bekannt.

Der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. ist Mitglied der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e.V. (BVF). Die BVF ist der mitgliederstärkste Fahrschulverband. Der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. unterstützt die Arbeit eines Arbeitskreises der BVF. Dieser Arbeitskreis erarbeitet Unterrichtskonzepte für den theoretischen Fahrschulunterricht.

In diesen Unterrichtskonzepten finden sich viele digitale Elemente wieder. Im Gegensatz zu anderen Fahrschulverbänden ist für uns der konzeptionell abgestimmte Theorie Unterricht der Schlüssel zum sicheren, verantwortungsvollen und umweltfreundlichen Fahrer. Digitale Elemente sollten aus unserer Sicht den Theorieunterricht unterstützen; Fahrschüler können diese Elemente nutzen, um sich auf den Präsenzunterricht vorzubereiten, und diesen auch nachbereiten.

Der Präsenzunterricht bleibt für uns ein zentrales Element, um die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln, die ein sicherer, verantwortungsvoller und umweltbewusster Verkehrsteilnehmer benötigt.

Wer den Präsenzunterricht als steinzeitlich bezeichnet, so wie 123Fahrschulen. Wer den digitalen Fernunterricht als Zukunft und Heilsbringer für FahrschülerInnen, den Fahrlehrernachwuchs und die Güterbranche bezeichnet, so wie der VIFD. Der droht Gefahr zu laufen die Hauptfunktion und Hauptaufgabenstellung der Fahrschulen und FahrlehrerInnen aus den Augen zu verlieren. Nämlich die Heranführung von Fahrerlaubnis BewerberInnen, egal welcher Fahrerlaubnisklasse, zu sicheren, verantwortungsvollen und umweltbewussten VerkehrsteilnehmerInnen.

Der Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V. hat die Gesamtheit der Herausforderungen für die Fahrschulbranche im Blick. Die Digitalisierung. Die Verkehrssicherheit. Den Nachwuchsmangel. Den Klimawandel. Und anderes mehr.

Wir stellen uns diesen Aufgaben und suchen nach Lösungen. Dabei wird die Digitalisierung eine große Hilfe sein.

Im Mittelpunkt steht für uns dabei immer der Mensch. Dieser war, ist und bleibt ein soziales Wesen.

Der Straßenverkehr ist ein sozialer Raum. Wer sich auf die Suche nach dem erwünschten sozialen Miteinander im Straßenverkehr macht, wird diesen im sozialen Austausch mit anderen präsenten Personen am ehesten finden und verinnerlichen.

Dieser Position bleiben wir treu – so lange, bis eine wissenschaftliche Untersuchung zu anderen validen Ergebnissen führt, die in der Wissenschaft breite Anerkennung finden.

 

Landesverband der Hessischen Fahrlehrer e.V.